Mit Peer Feedback zu einer “neuen Normalität” 

Von am 27.10.23
Inhaltsverzeichnis
Statt dass das Bildungssystem über die Lernenden entscheidet, sind diese […] zu aktiven Teilnehmenden geworden, zu Akteuren und Akteurinnen des Wandels im System, und sie lernen, für ihr eigenes Lernen Verantwortung zu übernehmen

so prophezeit der OECD Lernkompass 2030 ein transformiertes Bildungssystem, das Lernen neu definiert. Lernen ist ein Instrument zur Orientierung in einer BANI-Welt, mit dem Ziel des allgemeinen Wohlbefindens. Dieses transformierte Bildungssystem, das der Lernkompass als „neue Normalität“ beschreibt, zeichnet sich durch eine aktive Beteiligung der Lernenden am Bildungsprozess aus.

„Neue Normalität“ + Peer Feedback

In der „neuen Normalität“ des Bildungssystems steht die gemeinschaftliche Entscheidungsfindung und eine geteilte Verantwortung für die Bildung der Lernenden im Vordergrund. Hierbei wird nicht nur Wert auf die Ergebnisse gelegt, sondern auch auf die Lernerfahrungen selbst. Jede:r Lernende verfolgt einen individuellen Lernweg, der auf bereits erworbenem Wissen, Fähigkeiten, Haltungen und Werten basiert. Die aktive Beteiligung der Lernenden ist hierbei von zentraler Bedeutung. Sie übernehmen durch ihre eigene Handlungs- und Gestaltungskompetenz (Student Agency) und mit Unterstützung ihrer Umgebung (Co-Agency) Verantwortung. Lehrkräfte schaffen den dafür notwendigen Rahmen (Teacher Agency). Wir befinden uns also in einem Spannungsverhältnis zwischen dem herkömmlichen Bildungssystem und dem Bildungssystem des 21. Jahrhunderts, das die „neue Normalität“ verkörpert (vgl. OECD, 17):

Ein zentrales Element, das die „neue Normalität“ mit der herkömmlichen Bildungslandschaft verbinden kann, ist, neben projekt- und handlungsorientiertem Lernen, konkret: das Peer Feedback. Gerade in Zeiten, in denen das Lernen mit "künstlicher Intelligenz“ in Schule immer präsenter wird, gewinnt formatives, prozessbegleitendes Feedback an Bedeutung und kann somit als ein Schlüsselaspekt der „neuen Normalität“ im Bildungsbereich angesehen werden. Da beim bewertungsfreien Peer Feedback, Lernende einander kriteriengeleitet Rückmeldungen zu schulischen Arbeiten geben, rückt Student -, Teacher - und Co-Agency in den Fokus und daher kann es als Schritt hin zu dieser Vision eines neuen Bildungssystems betrachtet werden.

Student Agency + Peer Feedback

Student Agency bezieht sich auf die individuelle Fähigkeit von Lernenden, ihr Lernen zu steuern, Ziele zu setzen und Verantwortung zu übernehmen. Die OECD stellt fest: „Es geht darum, selbstbestimmt zu handeln, anstatt von anderen bestimmt zu werden; die eigene Umwelt zu gestalten, anstatt sie als gegeben hinzunehmen; verantwortungsvoll zu entscheiden und zu wählen, anstatt Entscheidungen von anderen hinzunehmen" (OECD, 33). Die OECD betont, dass echte Bildung Ko-Konstruktion und nicht bloße Instruktion und Bewertung sein sollte.

In diesem Kontext spielt Peer Feedback eine entscheidende Rolle. Es bietet Lernenden nicht nur die Möglichkeit, Feedback von Peers zu erhalten, sondern auch selbst Feedback zu geben. Dieser Austausch basiert auf den Erfahrungen und dem Verständnis der Peers, wodurch Lernen zu einem kollaborativen und reflexiven Prozess wird. Durch Peer Feedback können Lernende ihre Selbstwahrnehmung schärfen, ihre Lernstrategien anpassen und somit ihre Student Agency stärken. Es ermöglicht ihnen, sich der Bedeutung des Lernens bewusst zu werden und an ihr eigenes Potenzial zu glauben. Konstruktives Peer Feedback, unterstützt von Lehrenden, dient dabei als Ergänzung zum Feedback der Lehrkräfte und bietet eine zusätzliche, wertvolle Perspektive. Es fördert die Selbstbestimmung der Lernenden und stärkt ihre Fähigkeit, verantwortungsvolle Entscheidungen zu treffen und ihr Lernen aktiv zu gestalten.

Teacher Agency + Peer Feedback

Lehrende spielen eine entscheidende Rolle bei der Schaffung einer förderlichen Lernumgebung, und auch bei der Integration von (Peer) Feedback in den herkömmlichen Bildungsprozess. Teacher Agency beschreibt vor allem die Fähigkeit von Lehrenden, den Bildungsprozess als kollaborativen Ansatz zu sehen. Dies bedeutet, dass sie die individuellen Bedürfnisse der Lernenden berücksichtigen und das komplexe Netzwerk von Beziehungen verstehen, in das die Lernenden eingebettet sind. Lehrkräfte leiten die Lernenden an, konstruktives Feedback zu geben und zu empfangen, und stellen sicher, dass dieses Feedback den Lernprozess bereichert. Durch ihre Teacher Agency tragen sie also maßgeblich dazu bei, dass (Peer) Feedback sinnvoll und verantwortungsbewusst eingesetzt wird.

Co-Agency + Peer Feedback

Co-Agency bedeutet, dass Lehrkräfte und Lernende im Lehr- und Lernprozess zu gemeinsamen Gestalter:innen werden. Das Konzept der Co-Agency geht davon aus, dass Lernende, Lehrende, Eltern und das kommunale Umfeld zusammen daran arbeiten, den Kindern und Jugendlichen zur Verwirklichung ihrer gemeinsamen Ziele zu verhelfen. Lernen ist also eine kollektive Tätigkeit. Das Lernen und die Entwicklung der Agency sind tief in sozialen Kontexten verankert. Co-Agency fördert eine aktive Beteiligung am Unterricht, wodurch Lernende nicht nur ihre analytischen und kommunikativen Fähigkeiten schärfen, sondern auch kreativer in der Problemlösung werden sollen. Dies führt zu verbesserten Lernergebnissen, einer stärkeren Eigenverantwortung und einem verbesserten analytischen Denken.

Co-Agency und die damit verbundenen lernförderlichen Umgebungen sind auch Voraussetzungen für gelingendes Peer Feedback. Feedback sollte in einer unterstützenden und respektvollen Atmosphäre stattfinden, geprägt von Vertrauen und starken zwischenmenschlichen Beziehungen. Das Sonnenmodell des OECD Lernkompasses, das gemeinsam mit Lernenden entwickelt wurde, definiert Stufen von Co-Agency. Insbesondere in den Stufen 6-8, in denen echte Co-Agency stattfindet, wird die Bedeutung einer förderlichen Lernumgebung für erfolgreiches (Peer) Feedback besonders deutlich.

“Herkömmliches Bildungssystem” + Peer Feedback

Peer Feedback ist wichtiger Bestandteil meines Unterrichts. Hier ist ein Beispiel des Peer Feedbacks beim Erstellen eines Essays im Englischunterricht der Oberstufe. Dabei werden die unterschiedlichen Phasen des Peer Feedbacks tabellarisch vorangestellt, erläutert und durch konkrete Beispiele aus dem Unterricht veranschaulicht.

PhaseErläuterungenBeispiele
VorbereitungKollaboratives Festlegen von Feedback-KriterienLernende und Lehrende legen gemeinsam klare Kriterien fest, die während des Peer-Feedbacks angewendet werden.Diese können sich entweder an normativen Lernstandards oder individuellen Lernzielen orientieren.„In der Einleitung der Charakterisierung wird genannt, aus welchem literarischen Werk die Figur stammt.“ (Vgl. fiete.ai, Charakterisierungen)

Zur kollaborativen Sammlung von Feedbackkriterien nutzen wir ein zumpad. Behördliche Vorgaben bringe ich (hier: rot) ein, die Lernenden (hier: lila) bisher gelernte Kriterien und Erfahrungen:

PhaseErläuterungenBeispiele
Vorbereitung(Skalen kollaborativ festlegen)Für jedes Kriterium können Skalen entwickelt werden, die von den Lernenden verwendet werden, um ihren Peers differenziertere Rückmeldungen zu geben.Punkteskalen, Beschreibungen, Kompetenzraster, …

Nach Festlegung der Kriterien diskutieren wir gemeinsam deren Gewichtung. Die untenstehende Abbildung zeigt einen Ausschnitt der Gewichtung und festgelegten Kriterien. Anmerkungen:

  • Die Lerngruppe wünscht sich eine Kategorisierung nach Noten.
  • Die Lernenden möchten einen Fokus auf das Produkt setzen (Stand: September 2022).

Vor dem Hintergrund von generativer ‚KI‘ müsste sich nun der Fokus der anschließenden Bewertung ändern: von Produktorientierung zur Prozessorientierung; die Gewichtung müsste sich nun hin zum Einbezug des Feedbacks und der Reflexion verschieben. Bei der anschließenden Bewertung der Reflexion können Nina Brendels Reflexionsstufen aus: “Reflexives Denken im Globalen Lernen fördern. Eine qualitative Studie zu Weblogs im Geographieunterricht“  helfen. Hier sind erste Entwürfe von Kompetenzrastern. Auch diese sind Diskussionsgrundlagen, die gemeinsam weitergedacht und bearbeitet werden können:

  • Audio-Produkte
  • Video-Produkte
  • ‚KI‘-Ko-Kreationen.
PhaseErläuterungenBeispiele
DurchführungFeedback gebenSeid spezifisch und konzentriert euch auf beobachtbares Verhalten/ Kriterien.Vermeidet Verallgemeinerungen und Wertungen.20 Minuten Feedback
Feedback annehmenHört aktiv zu.Fragt bei Unklarheiten nach.Nehmt Feedback als Gelegenheit zur Weiterentwicklung an.Reflektiert, welche Maßnahmen ihr ergreifen könnt, um euer Lernprodukt zu verbessern.
DiskussionErörtert das Feedback gemeinsam und sucht gemeinsam nach Lösungen oder Möglichkeiten zur Weiterentwicklung.Setzt euch konkrete Ziele für die Zukunft.

Es gibt zwei Gruppen von Feedbackgebenden: die Peers und mich als Lehrende.

Ablauf des Lehrenden Feedbacks: in einer offenen (Online-)Sprechstunde können alle Lernenden Feedback einfordern, zusätzlich asynchron in einem gemeinsamen kollaborativen Textdokument Fragen stellen.

Ablauf des Peer Feedbacks: Bei einem synchronen Jour Fixe führen wir in 4er-Gruppen (thematische Einteilung) ein Blitzlicht (1 Minute/ Person) durch, es folgt ein Austausch unter Peers. Die Lernenden unterstützen sich gegenseitig dabei, weitere individuelle, konkrete Schritte und Ziele zu formulieren. Sie nutzen dafür Kanban-Boards von cryptpad.fr; diese sind für mich einsehbar. In Paaren geben und nehmen sie Peer Feedback nach der Methode “20 Minuten Feedback” an. Hier findet ihr Anleitungen zum Thema (Peer)Feedback im Unterricht. Sie sind unter einer CC BY 4.0-Lizenz veröffentlicht; ihr könnt sie also bearbeiten + teilen:

  • Ablauf von Feedback
  • 4 Stufen des Feedbacks
  • 20 Minuten Feedback

Einige Lernende geben dabei ein schriftliches Peer Feedback:

PhaseErläuterungenBeispiele
Follow-UpÜberprüft nach einer festgelegten Zeit, inwieweit das Feedback umgesetzt wurde und welche Fortschritte erzielt wurden.Gebt weiteres Feedback zu den Fortschritten und eventuellen weiteren Entwicklungsbereichen.

Es folgt ein Follow-Up mit der überarbeiteten Version des Essays.

PhaseErläuterungBeispiele
ReflexionReflektiert den Feedback-Prozess. Adressiert eventuelle Probleme oder Missverständnisse zeitnahWas hat gut funktioniert?Wo gibt es noch Verbesserungspotenzial? …

Die Auswertung des Peer Feedbacks durch die Lernenden war durchweg positiv:

Dear Mrs Schulz, here is my essay, my self-self-reflection and the audio of the interview with my grandpa. I hope you enjoy it. I can only say it again, I truly loved it and it was the best final exam I could do and hand in. I learned so so so much and enjoyed every single step of the process. I really do look forward to your feedback! Kind regards,

Meine Auswertung

Das Bildungssystem wandelt sich hin zu einer "neuen Normalität", in der Lernende als aktive Gestalter:innen agieren. Der OECD Lernkompass 2030 unterstreicht die Bedeutung von Agency in diesem Prozess. Fehlt noch eine systemische Integration von Student Agency und Co-Agency im herkömmlichen Bildungssystem, liegt es an uns Lehrenden, Ansätze von Agency in der Praxis umzusetzen; die Implementierung von Peer Feedback im Unterricht ist eine Möglichkeit. Denn: Peer Feedback, unterstützt durch Teacher Agency, ermöglicht Lernenden eine vertiefte Selbstreflexion und fördert ihre individuellen Lernstrategien. Co-Agency betont die kollektive Natur des Lernens und schafft eine förderliche Lernumgebung, die für erfolgreiches Peer Feedback unerlässlich ist. Mit Peer Feedback kommen wir also der Vision einer „neuen Normalität“ einen Schritt näher.

Bitte um Peer Feedback

Feedback ist für mich von zentraler Bedeutung, weil auch ich mich als lebenslang Lernende begreife. Ich bitte euch also — besonders bei diesem Blogbeitrag über Peer Feedback — um eure Rückmeldungen. Ich freue mich über euer Feedback zu diesem Beitrag „Mit Peer Feedback zu einer ‚neuen Normalität’“ hier zunächst mit der Kommentarfunktion bis zum 1.12.2023. Selbstverständlich werde ich auf alle Rückmeldungen reagieren, um dann eine überarbeitete Version dieses Beitrags, die euer Feedback miteinbezieht, auf fiete.ai/blog zu veröffentlichen. Ich schätze und freue mich auf eure konstruktiven Rückmeldungen und den produktiven Austausch über eure Erfahrungen mit Peer Feedback!

Regina Schulz ist Lehrerin an einem Hamburger Gymnasium. Sie arbeitet als Lehrer:innenfortbildnerin im Bereich Fremdsprachen mit den Schwerpunkten Digitalität und BNE; zusätzlich ist sie Fellow des Digital and Data Literacy in Teaching Lab (DDitLab) der Universität Hamburg. Sie veröffentlicht ihre Unterrichtsmaterialien als OER im digitallearninglab.de."