KI-Feedback als neuer Weg, psychische Gesundheit und Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen zu fördern

Von am 29.04.24
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Als ich von der Entwicklung des neuen KI-Feedback-Tools Fiete das erste Mal hörte, war ich sofort begeistert. Wenn ich mir anschaue, welche enorm positive Resonanz Fiete bekommt wie dem Gewinn des Start-up-Awards der Didacta 2024, bin ich hier offensichtlich in großer und guter Gesellschaft. Dabei bringe ich als Wissenschaftler auf dem Gebiet der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen und als Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut aber vielleicht eine neue und andere Perspektive ein, als die meisten Personen die Fiete als Lehrkräfte oder Bildungswissenschaftler betrachten. Warum gerade KI-gestütztes Feedback ein ganz wichtiger Faktor für Schülerinnen und Schüler in Bezug auf ihr psychisches Wohlbefinden sein kann, möchte ich im Folgenden erklären.

Vielen Schülerinnen und Schülern geht es psychisch nicht gut

Man kann es in den letzten Wochen und Monaten immer wieder lesen. Vielen Kindern und Jugendlichen geht es in Deutschland psychisch nicht gut. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass etwa jedes vierte bis fünfte Kind im Schulalter unter einer deutlich erhöhten psychischen Belastung leidet1. Schülerinnen und Schüler leiden mehr als früher unter Traurigkeit, Motivationsproblemen oder Konflikten mit Gleichaltrigen, Lehrkräften oder Eltern. Die Gründe dafür sind vielfältig und teilweise Nachwirkungen der COVID-19 Pandemie, aber auch Folgen anderer gesellschaftlicher Krisen wie dem Bedrohungsgefühl durch Krieg, den Klimawandel, aber auch der Krise des Schulsystems selbst mit eklatantem Lehrkräftemangel. Es ist erwartbar, dass dieses hohe Stresslevel sich auch in den kommenden Jahren fortsetzt und auch in den Schulen ein großes Thema bleiben wird. Dabei geht es nicht allein um die Gesundheit von Schülerinnen und Schülern, sondern auch und insbesondere um ihre Teilhabe an Bildung. In meiner psychotherapeutischen Tätigkeit erlebe ich täglich, wie sich schulisches Lernen und psychische Gesundheit gegenseitig bedingen und jeweils die Grundlage für das Andere legen. Für viele Schülerinnen und Schüler, die zu mir in die Psychotherapie kommen, spielen schulische Belastungsfaktoren eine wichtige Rolle dafür, dass es ihnen psychisch nicht gut geht. Oft höre ich, dass schulischer Leistungs- und Prüfungsdruck, Selbstunsicherheit in der Schule, aber auch schwierige Beziehungen zu Mitschülern und Lehrkräften zu den Hauptsorgen gehören.

Zudem erleben es Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte, Schulleitungen und Eltern tagtäglich, wenn Kinder und Jugendliche psychisch leiden, dann fehlt ihnen zu oft die Grundlage, um ihr Leistungs- und Lernpotential in Schule und Unterricht abzurufen. Sie werden durch Selbstzweifel, Konzentrationsprobleme oder überbordende Gefühle schulisch ausgebremst. Darum ist es so wichtig, dass wir Schule und psychische Gesundheit gemeinsam betrachten und berücksichtigen.

KI Feedback und psychische Gesundheit von Schülerinnen und Schülern

Sie fragen sich jetzt vielleicht – was hat KI-Feedback mit psychischer Gesundheit zu tun? Eine ganze Menge. Viele Schülerinnen und Schüler mit psychischen Belastungen erleben eine hohe Selbstunsicherheit und Ängste in Bezug auf ihre eigene schulische Leistung. Ich habe bereits geschrieben, dass viele Kinder und Jugendliche auch von schwierigen Beziehungen zu Lehrkräften berichten, nicht selten aus einer Angst heraus sich mit eigenen Lernergebnissen oder lernbezogenen Fragen zu offenbaren: „Ist das, was ich gerade mache richtig?“ „Ist meine Leistung gut?“.

Aber auch die Sorge vor unangenehmen Rückmeldungen zum eigenen Lernprozess spielen besonders für psychisch belastete Schülerinnen und Schüler oft eine große Rolle. In der Psychologie sprechen wir in solchen Fällen von sozialen oder Leistungsängsten, die zu den häufigsten Ängsten überhaupt gehören. Erleben Schülerinnen und Schüler solche Ängste, trauen sie sich nicht, Rückmeldungen oder Feedback zum eigenen Lernprozess oder dem Lernergebnis einzuholen. Auf der einen Seite liegt diesen Ängsten oft die übermäßige Sorge zugrunde, ein Feedback könnte negativ ausfallen (z. B. „Ich mache das ja sowieso immer falsch“) oder dass ein Feedback durch eine Lehrkraft an sich schon unangenehm erlebt wird (z. B. „Ich mag es nicht, wenn ich im Mittelpunkt stehe“). Wissenschaftliche Studien zeigen dabei, dass selbst ein positives Feedback für Kinder, aber auch Erwachsene mit erhöhter psychischer Belastung schon als sehr unangenehm erlebt wird2.

Wenn sich Schülerinnen und Schüler aber nicht trauen Feedback einzuholen, fehlen Ihnen wichtige Rückmeldungen zu ihrem Lernprozess.

Sie sind dadurch gleich mehrfach im Nachteil. Erstens fehlt ihnen wichtiges Feedback und damit die Chance, ihren eigenen Lernprozess zu reflektieren und positive Selbstwirksamkeitserfahrungen zu machen („Ich habe mich weiterentwickelt“). Besonders für Schülerinnen und Schüler mit negativem Selbstbild wird durch die Vermeidung von Feedback aber auch das eigene negative Selbstbild verfestigt, da auch positives Feedback nicht eingeholt wird. Zweitens entsteht durch diesen Prozess nicht selten ein Teufelskreis aus befürchtetem Scheitern, fehlendem Feedback und folgend einem schlechteren Lernergebnis als Resultat von vermiedenem Feedback. Hier kann KI-Feedback wie Fiete meiner Meinung nach sehr viel leisten:

  • KI-Feedback senkt durch seine Anonymität für Schülerinnen und Schüler mit sozialen und Feedbackängsten die Hemmschwelle sich Rückmeldung zu holen, da der soziale Aspekt (z. B. „Die Lehrkraft bekommt einen schlechten Eindruck von mir, ich muss es allein schaffen“) viel geringer ist als bei einem persönlichen Feedback durch die Lehrkraft oder durch Mitschüler. KI-Feedback macht es damit möglich, dass Schülerinnen und Schüler positive Erfahrungen mit Feedback machen und ihre Hemmschwellen für andere Formen der persönlichen Rückmeldung abbauen. KI-Feedback ist sozusagen auch ein Übungsfeld, sich selbst zu zeigen.
  • KI-Feedback ist von der zeitlichen und örtlichen Verfügbarkeit von Lehrkräften oder anderen Personen unabhängig. Auch das ist für Schülerinnen und Schüler mit sozialen und Feedbackängsten wichtig, da sie selbst freier entscheiden können, wann und zu welchem Teil ihrer Leistung sie sich Feedback holen. Sie können auf Feedback zurückgreifen, wenn sie sich bereit dazu fühlen. Zu einem späteren Zeitpunkt Feedback in Anspruch zu nehmen, wird nicht zur erlebten Niederlage.
  • KI-Feedback ist problemlos anpassbar. Wie ich schon geschrieben habe, ist die Form des Feedbacks besonders für sensible Schülerinnen und Schüler ein entscheidender Faktor, ob Feedback als persönlich angenehm und annehmbar erlebt wird. Während für manche Schülerinnen und Schüler sehr positives und wertschätzendes Feedback als angenehm erlebt wird, ist es für andere unangenehm. Über KI ist die Anpassung des Feedbackstils problemlos möglich. Schülerinnen und Schüler können bei der Benutzung der KI gefragt werden, welcher Stil von Feedback für sie am angenehmsten ist, sodass sie selbst davon am besten profitieren.

KI-Feedback wie Fiete ermöglicht es damit noch deutlich besser, die Heterogenität von Schülerinnen und Schülern in ihrem psychischen Wohlbefinden inklusive individueller Hemmschwellen zur Inanspruchnahme von Feedback zu berücksichtigen. KI-Feedback ist also ein wichtiger Schritt hin zu einer Demokratisierung des Feedbacks unter Berücksichtigung der Individualität von Kindern und Jugendlichen.

Literatur

1 Ravens-Sieberer U, Devine J, Napp AK, Kaman A, Saftig L, Gilbert M, Reiß F, Löffler C, Simon AM, Hurrelmann K, Walper S, Schlack R, Hölling H, Wieler LH, Erhart M. Three years into the pandemic: results of the longitudinal German COPSY study on youth mental health and health-related quality of life. Front Public Health. 2023 Jun 15;11:1129073.

2 Fredrick JW, Luebbe AM. Fear of positive evaluation and social anxiety: A systematic review of trait-based findings. J Affect Disord. 2020 Mar 15;265:157-168.

Autor

Prof. Dr. Julian Schmitz ist Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut und leitet die psychotherapeutische Hochschulambulanz für Kinder- und Jugendliche an der Universität Leipzig. In seinen Forschungsprojekten befasst er sich mit sozialen und Leistungsängsten von Kindern und Jugendlichen, psychischer Gesundheit und Wohlbefinden in der Schule sowie der psychosozialen Versorgungssituation von Kindern und Jugendlichen.