Bewertung in Zeiten von KI

Von am 18.03.24
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Kannst du meine Hausaufgaben für mich machen?

Diese Frage wurde wohl von den meisten im Laufe ihrer Schulzeit immer mal wieder gestellt. Der Unterschied: Bis vor etwas mehr als einem Jahr richtete sich die Frage noch an die Klassenkameraden. Mittlerweile ist das anders, Chat-GPT hat künstliche Intelligenz in die Klassenzimmer gebracht und ist seitdem nicht mehr aus der Schule wegzudenken. Das bietet auf der einen Seite gewaltige Chancen, auf der anderen Seite ist für uns Lernende jetzt noch deutlicher hervorgetreten, was ohnehin schon in unserem Bildungssystem schiefläuft.

Seitdem ist immer wieder der Vorwurf zu vernehmen, wir Schüler würden nur noch abschreiben. Doch damit stellt man uns unter einen Generalverdacht, nichts mehr selbst zu machen. Gerade zu Beginn haben die Lehrkräfte keiner Hausarbeit und keinem Aufsatz mehr vertraut. Doch diese Vorwürfe sind unberechtigt, da es keine Software gibt, die Chat-GPT zuverlässig erkennen würde. Stattdessen führt dieses Misstrauen zu vielen unangenehmen Gesprächen und häufig unberechtigten Plagiatsvorwürfen, die Spannungen zwischen Lernenden und Lehrenden entstehen lassen.

Warum Noten so wichtig sind – oder auch nicht

Das erste Problem ist die Methodik: Wir werden nie wieder in unserem Leben in einer Prüfungssituation wie in der Schule sein. Ein konkretes Ergebnis ohne Zugang zum Internet oder sonstige Unterstützung abgeben zu müssen, passiert schließlich in der Arbeitswelt so gut wie nie. Stattdessen wird damit in der Schule unnötiger Druck erzeugt, der nichts mit den realen Anforderungen an die zukünftigen Arbeitnehmer zu tun hat. Der zweite Punkt ist die grundsätzliche Bewertung. Wir Schüler verbringen einen Großteil unserer Zeit in der Schule und stecken dort sehr viel Energie und Herzblut rein. Dennoch wird alles, was wir machen, in eine Zahl gepresst, die dann über unser späteres Leben bestimmen soll. Dieses Korsett presst uns in eine feste Form, die uns keinen Raum zur Entfaltung lässt. Dieses prinzipielle Problem wird noch schwieriger, wenn wir über die Art der Bewertung sprechen. Denn wir haben unterschiedliche Lehrkräfte, die komplett andere Maßstäbe anlegen und ein anderes Verständnis davon haben, was genau jetzt ein sehr gut oder ein gut sein soll. Zudem wurde erst vor einigen Tagen eine Studie von dem Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen veröffentlicht, die sich mit Noten beschäftigt hat. Das Fazit? Noten sagen kaum etwas über die tatsächlichen Kompetenzen der Schüler aus. Die Überschneidung liegt teilweise sogar bei unter 20 % und stellt damit die tiefgreifende Ungerechtigkeit von Noten heraus.

Wie passt Chat-GPT da rein?

So viel dazu, aber was genau verändert jetzt Chat-GPT? Den Schülern Hausaufgaben oder andere Arbeitsaufträge aufzugeben, die nicht weiter aufgearbeitet werden, ist noch sinnloser geworden. Denn nun muss man die Hausaufgaben nicht mehr bei Wikipedia oder beim Nachbarn abschreiben, sondern kann das Chat-GPT machen lassen. Dieses Abschreiben hat für die Schüler aber nur so lange einen Nutzen, bis die nächste Klausur nicht mehr weit ist. Spätestens dann müssen sie die notwendigen Kompetenzen erlernen, um entsprechende Noten zu erhalten. Die zweite große Veränderung ist, dass reines Faktenwissen noch wertloser erscheint. Schließlich konnten die Inhalte schon immer in Sekunden auf Wikipedia nachgeschaut werden, jetzt muss man nicht einmal selbst nach ihnen suchen (auch wenn Chat-GPT einiges an Fehlern enthält). Entsprechend sinnlos ist es, dass die Lernenden vor den Tests Unmengen an sinnlosem Fachwissen in sich hineinstopfen. Schließlich wird dieses bereits wenige Tage danach wieder vergessen; das sogenannte Bulimie-Lernen findet statt. Stattdessen sollte es viel häufiger darum gehen, den Schülern die notwendigen Kompetenzen für ihr weiteres Leben zu vermitteln. Zum Glück befindet sich unser Schulsystem aktuell generell im Wandel in diese Richtung, aber mit der Erscheinung von Chat-GPT wurde noch einmal verdeutlicht, wie groß der Veränderungsbedarf ist.

Individualität und Leistung

Für uns ist klar, dass Noten angesichts dieser Veränderung in der aktuellen Form der Vergangenheit ergänzt werden müssen. Bisher wurde individuelles Feedback, das eine Alternative darstellen könnte, jedoch meist als zu anstrengend und zu zeitaufwendig abgetan. Diese Ausreden haben nun keine Gültigkeit mehr, da KI-Systeme jetzt die Bewertung übernehmen können. Dadurch schaffen es Programme wie Fiete.ai nicht nur die Lehrkräfte zu entlasten, sondern auch den Schülern einen besseren Lernerfolg zu garantieren. Auch die meisten Lehrkräfte sprechen laut einer Umfrage des MMB-Instituts KI-Systemen eine genauere Diagnose der Leistungen zu und versprechen sich davon einen besseren Unterricht.

Zudem zeigen KI-Systeme auf, dass wir in der zukünftigen Arbeitswelt bei schriftlichen Leistungen nicht mehr ohne Unterstützung auskommen müssen. Es gibt jedoch auch einen Bereich, in dem das nicht gilt: bei mündlichen Überprüfungen. Denn auch in der Arbeitswelt werden wir immer wieder unsere Expertise zu einem Thema zuerst aufzeigen und danach verteidigen müssen. Diesem Umstand müssen auch Schüler gerecht werden. Dabei muss es gar nicht bei dieser immer noch klassischen Form der Leistungsüberprüfung bleiben. Offenere Aufgabenstellungen, die projektbezogen sind und ein kreatives Produkt erfordern, werden auch im zukünftigen Leben der Schüler eine tragende Rolle einnehmen. Dabei können auch digitale Tools wie Chat-GPT verwendet werden, da die Schüler somit den Umgang mit diesen lernen können. Schon viel zu lange ist unser Bildungssystem in alten Mustern festgefahren. Chat-GPT ist dabei nicht Teil des Problems, sondern zeigt uns nur das auf, was wir schon lange wissen: Unsere Bewertungs- und Überprüfungssysteme sind längst veraltet. Stattdessen brauchen wir neue Initiativen, die Schüler nicht mehr in Zahlen pressen, sondern in ihrer Entwicklung unterstützen.

Autor

Florian Fabricius, 18 Jahre alt, steht kurz vor dem Abschluss seines Abiturs. Aufgewachsen in Frankfurt, wollte er schon zu Beginn seiner Zeit in der Schülervertretung vor drei Jahren dafür sorgen, dass den Schülern endlich zugehört wird. Im Vorstand der Landesschülervertretung in Hessen konnte er die Bildungspolitik in seiner Heimat mitgestalten und diese Erfahrung als Pressereferent der Bundesschülerkonferenz nutzen, um den Schülern eine lautere Stimme zu verleihen. Jetzt, als Generalsekretär, ist er auf der politischen Bühne vertreten und sorgt jeden Tag dafür, dass die Stimme der Schüler auch gehört wird.